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Kurz an(ge)dacht ...

 Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibet nicht. 1. Chronik 29,15


Unser Leben ist wie ein Schatten. Ich glaube, das wird einem besonders bewusst, wenn Kinder sterben.

Als ich mich vor Jahren mit der Biografie des Pfarrers und Liederdichters Paul Gerhardt (16071676) beschäftigte, haben mich einige Aufzeichnungen seiner Frau Anna Maria, geborene Bertold (1622-1668), sehr berührt. Das Ehepaar verlor vier von fünf Kindern im Kindesalter.

Beim Tod des ersten Kindes Maria Elisabeth, das am Geburtstag der Mutter geboren wurde und nach kaum acht Monaten starb, schrieb Frau Gerhardt: "Herr, warum nimmst du mir meiner Augen Lust und meines Herzens Freude? Doch ich will nicht klagen und weinen. Schlaf wohl in deinem Ruhebettlein." Das zweite Kind, Anna Katharina, wurde nur ein Jahr und zwei Monate alt. Da wandte sich die Mutter mit folgenden Worten an Gott: "Ach, soll ich denn sein wie eine, die ihrer Kinder beraubt wird? ... Wie habe ich's verschuldet, dass du auch diese Freude in Herzeleid verwandelt? - Mein Gerhardt tröstet mich und spricht: Was weinest du? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft." Das dritte Kind, Andreas, stirbt noch am Tage seiner Geburt. Dazu findet sich die Aufzeichnung: "Herr, du weißt, was ein Mutterherz tragen kann, darum will ich meine Hand auf meinen Mund legen und schweigen." Allein das vierte Kind Paul Friedrich bleibt am Leben und erreicht ein Alter von 54 Jahren.

Nach dem Tod des fünften Kindes Andreas Christian, das sieben Monate alt wurde, ist in den Notizen zu lesen: "Siehe, Herr, noch ein Kind ist uns geblieben, und länger geblieben als die anderen vier. Soll noch einmal dein Todesengel in unser Haus kommen - Herr, sende ihn dann zu mir. Ich bin sehr müde und schwach! - Herr, ich warte auf dein Heil!" Drei Jahre später wurde sie im Alter von knapp 46 Jahren vom Leben abberufen. Wer so oft wie die Gerhardts dem Tod ins Angesicht sehen musste, konnte ihn nicht verdrängen.

Wie ist es heute? "Der Tod wird totgeschwiegen . Wir wollen leben, das Leben auskosten, und ahnen nicht, wie schal und banal und wie dumm ein Lebensgenuss ist, der auf der Verdrängung des Todes basiert." (Reinhard Deichgräber) Herr, "so lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen" (Ps 90,12 EB).

Josef Butscher


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