Quelle: http://www.dasgeheimnis.de/web/andacht.php

Kurz an(ge)dacht ...

 Ihr habt gehört, dass gesagt ist (3. Mose 19,18): "Du sollst deinen Nächsten lieben" und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. Matthäus 5,43.44


Verlangt Jesus in der Bergpredigt Unmögliches? Da stehen Eltern im Gerichtssaal dem Mörder ihres Kindes gegenüber oder Kinder demjenigen, der ihre Eltern zu Tode gequält hat. Wäre Liebe in solchen Fällen nicht zuviel verlangt?

Wir lieben gewöhnlich die Menschen, die uns sympathisch sind oder die uns Gutes getan haben. Und die anderen - die Mehrzahl? Denen begegnen wir zumindest höflich und offen und hassen sie nicht. Wer mir schweres Leid zugefügt hat, den kann ich nicht lieben.

Tatsächlich meint hier Jesus nicht Sympathie oder freundschaftliche Zuneigung (griechisch: Philia). Die kann ich mir nicht aufzwingen. Jesus verlangt keinen religiösen Krampf. Die Liebe (Agape) zu Feinden ist prinzipieller Natur, vom Verstand gesteuert, und bedeutet im Sinne Jesu zunächst einmal, nicht zu hassen. Hass ist grausam und zielt auf Vernichtung. Christen verharmlosen nicht das Böse. Im Gegenteil: Sie erschrecken über das Abgründige und wissen etwas von der unheimlichen Natur des Bösen. Doch ein Christ maßt sich nicht die Rolle des Weltenrichters an.

Der Schlüssel zum Verständnis des Andachtswortes ist Jesu Aufforderung: ". und bittet für" Feindesliebe äußerst sich in Fürbitte: "Herr, segne ... " Wenn ich für jemanden bete, dann wünsche ich, dass Gott an ihm wirkt und er Frieden findet.

Versuchen wir, uns vorzustellen, wie Eltern oder Kindern zumute ist, die im Gerichtssaal ihren Peinigern gegenüberstehen. Jesus verlangt nicht, dass wir uns zu Sympathie zwingen. Das wäre absurd. Wir brauchen unser Entsetzen nicht zu verdrängen. Aber an die Stelle eines hasserfüllten Rache- oder Vernichtungswillens tritt die Fürbitte. Die bedeutet nicht den Verzicht auf staatlichen Richtspruch. Vergebung meint in solchem Fall auch nicht, dass ich auf den Schuldigen zugehe und ihm freundlich auf die Schultern klopfe. Aber vor Gott habe ich ein neues Verhältnis zu ihm gefunden.

Wenn die Aufforderung Jesu auf die Beziehungen zwischen den Völkern angewandt würde, wird uns klar, dass die Bergpredigt eine Revolution ohnegleichen ist. Sie wäre imstande, die Weltpolitik zu entgiften. Wir wollen aber nicht darauf warten, sondern selbst Veränderungen wagen - in unserer Lebenssituation hier und jetzt.

Dieter Leutert


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